Jugend bringt Bewegung
Der Mensch will mobil sein – auch in Zukunft. Allen Chatrooms, Social-Media-Angeboten, Homeoffice-Optionen oder Metaversen zum Trotz: Der Wunsch, die reale Welt zu entdecken, nach Interaktion mit echten Menschen, sozialer Teilhabe und physischem Zugang zu Bildung und Beruf, der bleibt. Doch die Art und Weise, wie sich der Mensch zukünftig zwischen A, B und C hin und her bewegt, wird sich neu sortieren – getrieben von Klimazielen, neuen Technologien und veränderten gesellschaftlichen Faktoren.
Die Unternehmensberatung McKinsey kommt in ihrem Report „The Future of Mobility“ gar zu dem Schluss, dass das Mobilitätsökosystem im nächsten Jahrzehnt höchstwahrscheinlich einen Wandel durchlaufen werde, wie man ihn seit den Anfängen des Automobils nicht mehr gesehen hat. Und eine der wichtigsten Veränderungen wird eben genau dies betreffen: das Automobil. Noch dominieren private Pkw das globale Mobilitätsverhalten: Rund 45 Prozent aller Wege weltweit werden mit dem eigenen Auto zurückgelegt. Doch dieses Modell gerät zunehmend unter Druck. Ein Großteil der Prognosen geht davon aus, dass der globale Pkw-Markt noch in diesem Jahrzehnt seinen historischen Absatzhöhepunkt erleben und danach sukzessive schrumpfen wird. Gerade viele junge Leute haben zunehmend eine Null-Bock-Haltung dem Auto gegenüber. Genauer gesagt: dem eigenen Auto gegenüber. Dieser Trend ist schon heute deutlich zu erkennen. Laut der Studie „Europe’s Gen Z and the future of mobility“ nutzen auf dem alten Kontinent aktuell nur noch 42 Prozent der unter 30-Jährigen Privatwagen, bei den über 45-Jährigen sind es immerhin 77 Prozent.
Schaeffler als Partner für eine neue Mobilität
Sie sind ein wichtiger Teil der Mobilitätszukunft – und schon jetzt in immer mehr Metropolen im Test-Einsatz: autonome Robo-Taxis, die Nutzer per App anfordern können. Die Amazon-Tochter Zoox beispielsweise will nach Las Vegas und San Francisco mit ihren eigens entwickelten Mini-Bussen auch Austin und Miami bedienen. Auch in anderen Metropolen wie Singapur, Toronto, Dubai oder Hamburg gibt es Pilotprojekte verschiedener Anbieter und Fahrzeughersteller. Experten sagen voraus, dass die Nachfrage nach fahrerlosen Shuttle-Diensten insbesondere in vielen Großstädten in Europa, Nordamerika und Teilen Asiens in den nächsten Jahren rasant zunehmen wird. Schaeffler gestaltet diese Entwicklung schon heute sehr aktiv mit: als Anbieter von hochintegrierten elektrischen Antriebssträngen und Steer-by-Wire-Systemen sowie als kompetenter Entwicklungspartner modularer Fahrzeugplattformen. Diese Entwicklungs- und Fertigungskompetenz soll helfen, Shuttle-Fahrzeuge im industriellen Maßstab herzustellen und so schneller verfügbar zu machen.
Vom Besitz zur Nutzung
Dennoch wird das Auto auch in zukünftigen Mobilitätswelten seine Führungsrolle behaupten – nur anders. Nicht mehr als Statussymbol in der eigenen Garage, das den größten Teil des Tages bewegungslos parkt, sondern es wird ständig in Bewegung sein als Teil einer Shared-Mobility-Welt. Wobei Carsharing durch den immer höher werdenden Automatisierungsgrad im Cockpit zunehmend zum Ridesharing werden wird, bei dem autonom umherfahrende Autos 24/7 Passagiere einsammeln und an ihre Ziele bringen.
Der Trend, der sich beim Auto abzeichnet, wird auch in anderen Fahrzeugklassen aufgegriffen: Benutzen geht auch ohne Besitzen. Schon heute kann sich laut der in Deutschland, Frankreich und Großbritannien erhobenen Gen-Z-Mobility-Studie von McKinsey nur etwa jeder Dritte unter 30-Jährige überhaupt noch vorstellen, zukünftig ein eigenes Auto zu besitzen. Für viele junge Menschen ist das kein Verlust – sondern ein Gewinn an Flexibilität. Analysen gehen davon aus, dass sich Mobilität über Angebote rund ums Auto hinaus hin zu einem integrierten „Mobility-as-a-Service“-System (MaaS) entwickelt. Bis 2040 könnten bis zu 30 Prozent der Verkehrsleistung durch geteilte, digital organisierte Angebote erbracht werden.
In vielen Metropolregionen ist das MaaS-Angebot von ÖPNV über Leihräder, -scooter und -autos bis hin zu Fahrdienstleistern wie Uber, Bolt, Lyft oder Moja bereits breitflächig ausgerollt – und wird gerade von jungen Leuten viel genutzt. In der Vergangenheit war es die Jugend mit ihrer Offenheit für neue Technik, die Handys, Chat-Programmen, Social Media, Gaming oder Online-Banking zum Erfolg verhalf, jetzt sind es neue Mobilitätsangebote. Analysten prognostizieren dem MaaS-Sektor nicht zuletzt durch die Pionierarbeit der jungen Nutzerschaft ein enormes Wachstumspotenzial im kommenden Jahrzehnt von rund 30 Prozent pro Jahr.
Die Mobilität der Zukunft muss vor allem smart und günstig sein
Die Technologieoffenheit der Generation U30 gegenüber neuen Mobilitätsformen zeigt sich auch in einer Umfrage der ADAC Stiftung bei 16- bis 27-Jährigen: 44 Prozent befürworten dort den breiten Einsatz autonomer Fahrzeuge und digital vernetzter Mobilitätsangebote im Alltag. Für E-Mobilität sprechen sich 43 Prozent aus, für Flugtaxis 36 Prozent. 25 Prozent wünschen sich mehr Haltestellen mit unterschiedlichen Mobilitätsangeboten, sogenannte multimodale Verkehrsknotenpunkte. Diese Werte liegen allesamt oberhalb der Zustimmung in der Gesamtbevölkerung. Vor allem im Vergleich zu den Babyboomern ist die Gen Z deutlich affiner gegenüber neuen Technologien.
Die nächste Dimension urbaner Mobilität
Der vielleicht größte Paradigmenwechsel Bereich Verkehr: Mobilität verlässt die Straße. Heute sind Städte zweidimensional organisiert – Straßen, Schienen, Gehwege. Die sogenannte Urban Air Mobility (UAM) erschließt den Luftraum als dritte Ebene. Neue „Luftkorridore“ werden klassische Verkehrsrouten entlasten. Aktuelle Studien zeigen allerdings, dass UAM zunächst nur einen kleinen Anteil aller Wege abdecken wird – der Gesamteffekt auf Staus bleibt daher erst einmal begrenzt. Mobilitätsforscher wie Dr. Andreas Hermann von der Universität St. Gallen setzen dennoch große Hoffnungen in die UAM. Er sagt: „Der Luftraum bietet neue Möglichkeiten, den zunehmenden Druck auf städtische Verkehrsinfrastrukturen zu lindern. Elektrisch betriebene Flugtaxis und Drohnen sollen kurze Strecken schnell überwinden und städtische Verkehrsprobleme entschärfen.“ Auch diese neue Technologie stößt bei jüngeren Generationen auf deutlich mehr Gegenliebe als bei älteren. Stimmen Parameter wie Preis, Sicherheit und vor allem auch die gesellschaftliche Akzeptanz, könnte laut einer Best-Case-Prognose des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt der Lufttaxi-Verkehr mit kommerziell eingesetzten Flugautos ab 2045 signifikant zunehmen und es bis 2050 auf 190 Millionen Flüge pro Tag bringen, verteilt auf 200 Metropolregionen mit Fokus auf Asien, Ozeanien, Europa und Nordamerika. Insbesondere durch seine umfangreiche Expertise im Bereich der elektrischen Antriebe eröffnet sich auch für Schaeffler mit der UAM ein interessantes Geschäftsfeld mit großem Wachstumspotenzial.
Gleichzeitig – und vielleicht etwas überraschend – zeigen empirische Untersuchungen im Bereich junger Mobilität: Nachhaltige Optionen würden nur angenommen werden, wenn sie zugleich bequem und erschwinglich sind. Die Zukunft gehört daher möglicherweise nicht der „grünen“ Mobilität allein, sondern einer gleichermaßen praktischen, kostengünstigen, verfügbaren und nachhaltigen Mobilität.
Stadt vs. Land: zwei Geschwindigkeiten der Transformation
Und auch dieser Trend verstärkt sich: Die Zukunft der Mobilität wird nicht homogen sein. Während Städte zu hochvernetzten Mobilitätsräumen werden, bleibt der ländliche Raum ein struktureller Sonderfall. Bis 2050 werden rund 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Dort entstehen multimodale Systeme von Mikromobilität bis vollautomatischen Zügen. Der urbane Verkehr wird datengetrieben, individualisiert und zunehmend autonom.
Gleichzeitig droht auf dem Land eine Mobilitätslücke, denn die geringe Bevölkerungsdichte erschwert wirtschaftliche Angebote. Autonome On-Demand-Shuttles (siehe Infokasten oben) könnten hier Abhilfe schaffen – doch ihre Einführung hängt stark von staatlicher Förderung und Infrastrukturinvestitionen ab. Kurz gesagt: Während Städte Mobilität neu erfinden, müssen ländliche Regionen sie zunächst sichern. Und das heißt aktuell: Ohne Auto bewegt sich im Hinterland der meisten Industrienationen nicht viel. Das zeigt auch ein Blick nach Österreich: In der Großstadt Wien macht nur noch jeder Fünfte den Führerschein, im ländlichen Burgenland hingegen 55 Prozent.
Wie frühe Mobilität lebenslange Muster prägt
Ein oft unterschätzter, aber entscheidender Faktor für Entwicklungen in der Mobilität ist die Sozialisation im Verkehrsalltag. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Verkehrsmittel, die Menschen in ihrer Jugend nutzen und erlernen, einen nachhaltigen Einfluss auf ihr späteres Verhalten haben. Mobilität ist nicht nur funktional – sie ist kulturell und emotional geprägt.
Wenn junge Menschen mit einem gut ausgebauten öffentlichen Verkehr oder vielen Sharing-Angeboten aufwachsen, verankern sich diese als „Normalität“. Nicht ohne Grund betont die OECD, dass die Mobilitätsgewohnheiten junger Menschen entscheidend für langfristige Entwicklungen in Gesellschaft und Nachhaltigkeit sein können.
„Junge Menschen sollten aktiv in die Planung und Entscheidungsfindung zu verkehrsbezogenen Themen eingebunden werden.“
Forderung des Internationalen Transport Forums der OECD
Das bedeutet konkret: Wer früh Bus, Bahn oder Fahrrad nutzt, wird dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Erwachsenenalter tun. Wer hingegen in autozentrierten Regionen sozialisiert wird, bleibt oft beim privaten Pkw. Dieser Zusammenhang verstärkt bestehende Unterschiede zwischen Stadt und Land – und macht deutlich, dass die Transformation der Mobilität nicht nur technologisch, sondern auch sozial entschieden wird. Infrastruktur von heute prägt Verhalten von morgen. Das unterstreicht auch Professor Andreas Hermann, Mobilitätsexperte der Universität St. Gallen. Er sagt: „Oftmals ist nicht die Technologie das Haupthindernis für die Akzeptanz neuer Produkte, sondern unsere eigenen Gewohnheiten.“
Auch darin zeigt sich: Die heutige Jugend übernimmt eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Mobilität der Zukunft. Dennoch spielt sie in den Verkehrsplanungen meist kaum eine Rolle: Jugendliche werden nur selten gebeten, ihre Ideen und Bedürfnisse bei Mobilitätsprojekten einzubringen. Sehr zum Leidwesen vieler Mobilitätsexperten. Das Internationale Transport Forum der OECD beispielsweise fordert: „Junge Menschen sollten aktiv in die Planung und Entscheidungsfindung zu verkehrsbezogenen Themen eingebunden werden. Die Einrichtung von Jugendbeiräten würde sicherstellen, dass ihre Stimmen Gehör finden und ihre besonderen Bedürfnisse berücksichtigt werden.“ Dass ist umso wichtiger, als dass die Akzeptanz in der jungen Zielgruppe maßgeblich mitenscheidet, ob Mobilitätsangebote vom autonomen Fahren bis zum Flugtaxi im Alltag ankommen. Oder ob uns am Ende doch nur das Auto universell zuverlässig ans Ziel bringen kann, weil echte Alternativen fehlen.