„Die Zukunft ist gestaltbar“

Von Björn Carstens
Tech for good? Im Gespräch mit dem renommierten Experten für Technikfolgenabschätzung Prof. Dr. Armin Grunwald geht es um die Frage, wie wir disruptive Technologien wie KI, Digitalisierung oder autonome Roboter verantwortungsvoll gestalten können.
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Herr Professor Grunwald, wenn wir uns grundsätzlich dem Thema nähern: Was genau macht Technikfolgenabschätzung und warum brauchen wir sie?
Technikfolgenabschätzung beschäftigt sich damit, die Auswirkungen von Technik frühzeitig und möglichst umfassend zu verstehen. Dabei geht es nicht nur um die technischen Funktionen selbst, sondern vor allem um die gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Wirkungen, die mit neuen Technologien verbunden sind. Wichtig ist mir zu betonen: Technikfolgenabschätzung soll Innovation nicht bremsen. Im Gegenteil – sie soll dazu beitragen, Technik besser zu machen. Gute Gestaltung von Technik gelingt nur dann, wenn wir ihre Chancen und möglichen Nebenfolgen kennen. Auf diese Weise kann Technik so entwickelt und eingesetzt werden, dass am Ende möglichst viele Menschen davon profitieren.

Der Experte
„Die Zukunft ist gestaltbar“© KIT

Prof. Dr. Armin Grunwald, 1960 geboren, arbeitet als Professor für Technikphilosophie und Technikethik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Dort leitet er zudem das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse. Zusätzlich ist er für den Deutschen Bundestag tätig: Er leitet das Büro für Technikfolgenabschätzung und berät die Abgeordneten bei Fragen rund um die Auswirkungen von Technik.

Zu Zeiten von Dampfmaschine und Industrialisierung hat sich kaum jemand systematisch mit den Folgen von Technik beschäftigt. Wer hat die Technikfolgenabschätzung eigentlich erfunden?
Technikfolgenabschätzung, wie wir sie heute kennen, ist eine vergleichsweise junge Entwicklung. Historisch gesehen stammt sie ursprünglich aus den USA: In den 1960er- und 70er-Jahren war das Land als stark industrialisiertes Land besonders stark mit Umweltproblemen konfrontiert – verschmutzte Luft, verseuchte Gewässer, sterbende Fische, verschwundene Singvögel. Der US-Kongress erkannte, dass man solche Probleme nicht erst im Nachhinein lösen kann, sondern sie frühzeitig erkennen und steuern muss. 1972 wurde deshalb ein Büro für Technikfolgenabschätzung eingerichtet, um genau das zu tun. Die Erkenntnis war klar: Wer sich nicht frühzeitig mit den möglichen Folgen von Technik beschäftigt, der riskiert, später ernsthafte Probleme zu bekommen. Ein deutliches Beispiel dafür ist der Umgang mit Asbest. In der Bauindustrie war dieses Mineral lange Zeit sehr begehrt, seine Risiken wurden zunächst ignoriert, andere Bedenken beiseitegeschoben. Ohne eine umfassende Technikfolgenabschätzung führte das dazu, dass viele Menschen schwer an Krebs erkrankten und in vielen Fällen sogar starben. Ein weiteres historisches Beispiel ist der Einstieg ins Atomzeitalter. In den 1950er‑ und 60er‑Jahren herrschte in vielen Industrieländern eine große Begeisterung für die Atomkraft – man sah darin eine technisch faszinierende und gesellschaftlich vielversprechende Energieform. In diesem Überschwang hat man jedoch kaum darüber nachgedacht, was mit dem radioaktiven Abfall passiert, der bei der Nutzung dieser Technologie entsteht. Dass wir heute jahrtausendelang sicher mit Atommüll umgehen müssen, war damals kein Thema in den Planungen, weil es niemand systematisch vorausgedacht hat.

Auf der anderen Seite gilt Technologie ja auch als wichtiger Problemlöser. Kann man sagen, dass technischer Fortschritt heute sogar notwendig ist, um die Folgen früherer Technologien zu bewältigen?
Ja, das kann man durchaus so sehen. Ein Teil des heutigen technischen Fortschritts ist tatsächlich darauf ausgerichtet, Probleme zu lösen, die durch frühere Technologien entstanden sind. In gewisser Weise entsteht so eine Art Kreislauf: Neue Technologien bringen Fortschritt und Wohlstand, erzeugen aber auch neue Herausforderungen, auf die wir wiederum mit weiteren Innovationen reagieren müssen. Ein gutes Beispiel ist der Umwelt- und Klimaschutz. Die industrielle Entwicklung hat über Jahrzehnte hinweg zu erheblichen Umweltbelastungen geführt – etwa durch Emissionen oder Ressourcenverbrauch. Heute brauchen wir neue Technologien, etwa im Bereich erneuerbare Energien oder effizientere Produktionsverfahren, um genau diese Probleme zu bewältigen. Das zeigt: Technologie ist nicht nur Teil des Problems, sondern immer auch Teil der Lösung. Entscheidend ist, dass wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen und neue Entwicklungen von Anfang an so gestalten, dass sie langfristig tragfähig sind und möglichst wenige neue Probleme verursachen. Genau dabei soll die Technikfolgenabschätzung unterstützen.

Wie tragen Unternehmen wie Schaeffler als eine der führenden Motion Technology Companys dazu bei, mit technologischen Innovationen – über ihr klassisches Kerngeschäft als Automobil- und Industriezulieferer hinaus und hinein in neue Wachstumsfelder wie humanoide Robotik, elektrisches Fliegen und Raumfahrt – Fortschritt, Lebensqualität und nachhaltiges Wachstum für unsere Gesellschaft zu ermöglichen?
Zunächst einmal: Technologie ist der Schlüssel, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Sie ermöglicht nicht nur nachhaltige Produktion, klimafreundliche Energie oder intelligente Mobilität, sondern schafft gleichzeitig Chancen für neue Geschäftsmodelle, bessere Lebensqualität und langfristiges, nachhaltiges Wachstum. Technologie ist eine der zentralen Triebkräfte für Fortschritt: Sie hat unseren Wohlstand gesteigert, unsere Lebenserwartung erhöht und unseren Alltag sicherer und komfortabler gemacht. Noch nie in der Geschichte haben so viele Menschen gleichzeitig so gut gelebt wie heute. Ein besonders deutliches Beispiel dafür ist die Digitalisierung: Sie verändert in rasantem Tempo, wie wir arbeiten, kommunizieren und Entscheidungen treffen, und zeigt, wie sehr technologische Innovationen unser Leben grundlegend gestalten können.

„Technologie ist der Schlüssel, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.“

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Erleben wir durch die Digitalisierung einen größeren gesellschaftlichen Wandel als zu Zeiten der Industrialisierung?
Ich würde sagen, ja. Die Digitalisierung und insbesondere die Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz wirken in einer Tiefe auf unsere Gesellschaft, die früher kaum denkbar war. Sie durchdringen nicht nur Arbeitswelt, Wirtschaft oder Mobilität, sondern auch unsere Art zu denken, Probleme zu lösen und sogar grundlegende Fragen nach dem Menschenbild. Wer sind wir noch, wenn Maschinen nicht nur mechanische Arbeit und Berechnungen besser erledigen können als wir, sondern auch kreative Prozesse? Im Vergleich dazu waren Dampfmaschine, Eisenbahn oder Automobil zwar bahnbrechend, aber sie betrafen immer nur einzelne Bereiche der Gesellschaft. Digitale Technologien hingegen wirken als Querschnittstechnologien – sie verändern nahezu alle Lebensbereiche gleichzeitig. Heute beschäftigen wir uns sogar mit Folgen für Spiritualität, Religion oder ethische Fragestellungen, Bereiche, die in früheren Technikfolgenabschätzungen kaum eine Rolle spielten. Die KI verstärkt diesen Wandel noch einmal. Sie wirft Fragen auf, die weit über Arbeitsmarkt oder Wirtschaft hinausgehen: Welche Rolle spielt der Mensch, wenn Technik Aufgaben besser übernimmt als wir? Wie gestalten wir ein sinnvolles Leben in einer Welt, in der Technik fast alles kann und Werte sich verändern? Ich bin kein Untergangsprophet, aber wir müssen aufmerksam sein, damit Technik nicht dazu führt, dass Menschen sich selbst entwerten oder große Gruppen zu Verlierern werden, während wenige profitieren. Das zeigt, wie tiefgreifend und umfassend der Wandel durch die Digitalisierung tatsächlich ist.

Was sagen Sie zum geplanten, massenhaften Einsatz von Humanoiden, also Roboter mit menschlichen Zügen, in der Arbeitswelt?
Moderne humanoide Systeme arbeiten direkt mit Menschen zusammen, was deutlich komplexer ist als die klassische Industrierobotik, die in den 1980er- und 1990er-Jahren die Automobilproduktion grundlegend veränderte und die meistens abgeschirmt hinter Schutzgittern stattfindet. Die Transformation zu Humanoiden verläuft deshalb langsamer und schrittweiser ab. Und genau das ist eine Chance: Weil der Wandel nicht abrupt geschieht, können Arbeitsmarkt, Bildungssystem und Politik besser darauf reagieren – etwa durch Umschulungen oder gezielte Fördermaßnahmen. Insofern sehe ich die aktuellen Entwicklungen als gestaltbare Aufgabe. Entscheidend ist, dass wir frühzeitig hinschauen und die Veränderungen aktiv begleiten, damit möglichst viele Menschen von den neuen Technologien profitieren.

Ein weiteres Beispiel ist das autonome Fahren, an dem aktuell intensiv gearbeitet wird. Welche Einschätzung haben Sie dazu – auch im Hinblick auf ethische Fragen?
Das autonome Fahren ist ein gutes Beispiel dafür, wie Erwartungen an neue Technologien manchmal schneller wachsen als ihre tatsächliche Umsetzung. Vor etwa zehn Jahren entstand der Eindruck, dass in kurzer Zeit Millionen autonomer Fahrzeuge auf unseren Straßen unterwegs sein würden. Aus heutiger Sicht wissen wir: So einfach ist es nicht, denn der Straßenverkehr ist ein hochkomplexes und teilweise chaotisches System. Solche Technologien brauchen Zeit, um zuverlässig zu funktionieren. Gleichzeitig sehen wir aber, dass die Entwicklung voranschreitet. In den USA, etwa in Städten wie Phoenix, sind bereits autonome Fahrzeuge im Einsatz, die im Rahmen großer Testprojekte als fahrerlose Taxis genutzt werden. Diese Systeme lernen kontinuierlich dazu und werden Schritt für Schritt sicherer. Ich bin daher überzeugt, dass sich diese Technologie langfristig auch in Europa durchsetzen wird. Die oft diskutierten ethischen Dilemmata – etwa die Frage, wie ein Fahrzeug in einer unvermeidbaren Unfallsituation entscheiden soll – halte ich allerdings für überschätzt. Solche Szenarien sind statistisch nicht relevant.

„Technik kann die Voraussetzungen für ein gutes Leben deutlich verbessern.“

Prof. Dr. Armin Grunwald

Wenn wir das Ganze einmal etwas philosophischer betrachten: Hat der technische Fortschritt die Menschen Ihrer Einschätzung nach glücklicher gemacht?
Was man klar sagen kann: Der technische Fortschritt hat unser Leben in vielerlei Hinsicht deutlich verbessert. Ein Großteil der Menschheit verfügt heute über mehr Wohlstand, ist mobiler, lebt länger und bleibt länger gesund. Auch die Sicherheit in vielen Lebensbereichen hat zugenommen. In dieser Hinsicht ist das ein enormer Fortschritt. Ob die Menschen dadurch aber auch glücklicher geworden sind, ist eine andere Frage. Glück hängt von vielen Faktoren ab, die über Technik weit hinausgehen – etwa von persönlichen Beziehungen, Lebensumständen oder individuellen Erwartungen. Diese Bereiche werden durch technischen Fortschritt zwar beeinflusst, aber nicht automatisch verbessert. Die Glücksforschung zeigt zudem, dass zusätzliche materielle Zugewinne oft nur kurzfristige Effekte haben. Selbst größere Veränderungen, wie etwa ein Lottogewinn, führen meist nur vorübergehend zu einem höheren Glücksniveau, bevor sich wieder ein Normalzustand einstellt. Deshalb würde ich sagen: Technik kann die Voraussetzungen für ein gutes Leben deutlich verbessern. Ob daraus aber auch persönliches Glück entsteht, hängt letztlich von anderen Faktoren ab.

Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft: Wenn wir an das Jahr 2050 denken – welche technologischen Entwicklungen könnten das Leben der heutigen jungen Generation am stärksten prägen?
Zunächst einmal bin ich kein Prophet. Wir neigen dazu, aktuelle Trends einfach in die Zukunft zu verlängern – im Moment also vor allem Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Aber solche Entwicklungen verlaufen selten geradlinig. Trends können sich abschwächen oder sogar ins Gegenteil verkehren. Man sieht heute schon, dass es bei jüngeren Menschen auch so etwas wie eine gewisse Digitalmüdigkeit gibt und ein wachsendes Bedürfnis nach analogen Erfahrungen. Das zeigt etwas Grundsätzliches: Der Mensch bleibt ein analoges Wesen. So wichtig digitale Technologien auch sind – der Wert des Analogen wird nicht verschwinden, sondern möglicherweise sogar wieder an Bedeutung gewinnen. Deshalb halte ich es für wenig plausibel, dass die Welt im Jahr 2050 vollständig digitalisiert sein wird. Gleichzeitig werden digitale Technologien natürlich weiter an Bedeutung gewinnen. Wir werden besser mit ihnen umgehen können, etwa mit Systemen der künstlichen Intelligenz, bei denen heute noch viele Unsicherheiten bestehen. Auch die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine, etwa in der Industrie, steht noch am Anfang und wird sich weiterentwickeln. Was oft übersehen wird: Neben der Digitalisierung gibt es auch andere technologische Felder mit großem Veränderungspotenzial, etwa die Bio- und Gentechnologie. Hier könnten sich völlig neue Möglichkeiten im Umgang mit Krankheiten ergeben, die heute noch kaum absehbar sind. Insgesamt leben wir in einer sehr spannenden Zeit. Trotz aller Herausforderungen ist die Zukunft nicht festgelegt, sondern gestaltbar. Gerade für junge Menschen liegt darin eine große Chance: Technik und Wissenschaft bieten ihnen die Möglichkeit, aktiv an dieser Zukunft mitzuwirken und sie in eine positive Richtung zu entwickeln.