Die Vermessung der Zukunft

Von Wiebke Brauer
Wie präzise können Vorhersagen für die Welt von morgen sein? Um das herauszufinden, sind zwei Herangehensweisen denkbar: Die erste blickt zurück – auf die Prognosen, die man um das Jahr 2000 für unsere jetzige Gegenwart wagte. Sie zeigt, wie nah oder fern frühere Zukunftsbilder der Realität gekommen sind. Die zweite richtet den Blick nach vorn – auf die Szenarien, die ein Forscher heute für das Jahr 2050 entwirft.
© Francisco Jose Garrido Angulo/iStock

„Das Vorhersagen ist nicht einfach, besonders, was die Zukunft angeht.“ So lautet ein dänischer Witz aus den 1950er-Jahren, der nichts von seiner Aktualität verloren hat, wenn man ehrlich ist. Was die Menschen jedoch nie davon abhielt, es trotzdem zu versuchen. Besonders gut im Hellsehen war der Science-Fiction-Autor Jules Verne, der in seinem Roman „Paris im 20. Jahrhundert“ von 1863 verglaste Wolkenkratzer, Klimaanlagen, Fernseh- oder Faxgeräte beschrieb. Übrigens fand Jules Vernes Verleger das Buch damals so schlecht, dass er es nicht veröffentlichen wollte, außerdem schrieb er in einem Brief an den Schriftsteller den Satz: „Man wird niemals an Ihre Prophezeiungen glauben.“

So kann man sich irren. Aber schauen wir, was um die Jahrtausendwende für heute geweissagt wurde.

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    Smartphones: Nein, nicht jeder sah das Smartphone voraus, auf das wir ständig starren. Ausgerechnet Nicholas Negroponte, einer der Vordenker der digitalen Revolution, sagte in einem Interview mit der „SZ“ im Jahr 2010: „Mit dem Handy kann man wunderbar telefonieren und SMS schicken – aber nicht viel mehr. Es ist eine Frage der Größe. Es hat eben seinen Grund, dass Atlanten vom Format her größer sind als Fahrpläne der Bahn. Wenn jemand davon redet, ein Handy könne einen Laptop ersetzen, ist das Unsinn.“ Gut, es gab auch andere Stimmen: Nathan Myhrvold, ehemaliger Chief Technical Officer von Microsoft, formulierte sogar schon 20 Jahre zuvor einen „wirklich persönlichen Computer“, den er „Wallet PC“ nannte und den man jederzeit bei sich trägt, der drahtlos kommuniziert und Funktionen wie Telefonie, E-Mail, Notizen und Medien in einem Gerät vereint. © Kar-Tr/iStock
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    Robotik: Wenn es jemanden gibt, der immer fest an Roboter geglaubt hat, dann Hans Moravec, der sein Leben der Entwicklung intelligenter Maschinen widmete. Der österreichisch-kanadische Wissenschaftler beschrieb in den 1990er-Jahren, dass Roboter bis 2010 zunächst eine reptilienähnliche Intelligenz und die „Persönlichkeit einer Waschmaschine“ haben würden und in Fabriken oder Lagerhallen leichte, mechanische Arbeiten verrichten – die Vision humanoider Roboter. Bis 2030 würden Roboter mit rudimentärer Denkfähigkeit entwickelt, so Moravec damals, die sich selbst konditionieren können. Rudimentäre Denkfähigkeit? Für die sich abzeichnenden Fähigkeiten KI-gestützter Humanoider eher eine defensive Prognose. Heute lässt sich sagen: Moravec‘ Annahmen waren treffsicherer, als es seine vielen Kritiker für möglich hielten. Wir dürfen also gespannt sein, ob seine These, dass Maschinen den Menschen im Jahr 2050 sowohl körperlich als auch geistig überholt haben werden, ebenfalls richtig sein wird. © demaerre/iStock
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    Gentechnologie: Am 26. Juni 2000 sagte der US-amerikanische Präsident Bill Clinton den Satz: „Heute lernen wir die Sprache, in der Gott das Leben erschaffen hat.“ Anlass war das Human Genome Project, das Ende der 1980er-Jahre in den USA ins Leben gerufen wurde, um den vollständigen genetischen Bauplan des Menschen zu entschlüsseln – und im Jahr 2000 hatte man es fast geschafft. Das Interessante: Die Daten wurden damals bewusst frei zugänglich gemacht und beschleunigten die Entwicklung neuer Forschungsfelder: Es entstanden Gentests, personalisierte Medizin und neue Therapien etwa in der Krebsbehandlung. Ob man aber nun Gottes Sprache lernte, wie Clinton prophezeite, sei dahingestellt. © lexRaths/iStock
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    Autonomes Fahren: So korrekt viele Prognosen um die Jahrtausendwende auch waren, so vorschnell war man im Bereich autonomes Fahren. Der berühmte Futurist Ray Kurzweil hielt 1999 in seinem Buch „The Age of Spiritual Machines“ fest, dass sich das autonome Fahren von kontrollierten Umgebungen wie der Autobahn auf den komplexeren Stadtverkehr ausweiten würde, auch Michio Kaku umriss in seinem Buch „Zukunftsvisionen“, dass Autos mithilfe von Sensoren und Computersteuerung selbstständig navigieren und Hindernissen ausweichen könnten. Damit hatten beide wie in vielen anderen Dingen Recht, in diesem Punkt allerdings ist es nicht so, dass inzwischen massenhaft selbstfahrende Autos durch unsere Großstädte flitzen. Da muss man sich wohl noch etwas gedulden. © metamorworks/iStock
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Wie sich Forschende das Jahr 2050 vorstellen

Sven Gábor Jánszky ist Zukunftsforscher und Geschäftsführer des 2b Ahead ThinkTank in Leipzig. „tomorrow" hat ihn gefragt, wie Menschen im Jahr 2050 leben werden.

Herr Jánszky, wie wird ein Tag im Jahr 2050 ablaufen?
Eine Sache vorab: Bei uns am Institut arbeiten promovierte Zukunftsforscherinnen und -forscher, die wissenschaftliche Methoden nutzen. Und damit kann man etwa zehn Jahre prognostizieren, nicht mehr. Darüber hinaus kann man nur spekulieren. Wenn ich das tun müsste: Ich glaube nicht, dass sich der Tagesablauf grundlegend verändert. Was klar ist: Wir werden in einer Zeit leben, in der Technologien wie künstliche Intelligenz und Robotik eine Intelligenzstufe erreicht haben, die deutlich über der menschlichen liegt. KI und Roboter werden die meisten Prozesse dessen, was wir heute Arbeitsleben nennen, übernehmen und viele der heutigen Jobs ersetzen.

Und was macht man dann den ganzen Tag?
Die Menschen stehen auf und verbringen den Vormittag mit gesellschaftlicher Arbeit, etwa in Schulen helfen oder Wissen weitergeben, das aber wahrscheinlich nicht völlig bedingungslos, sondern als Beitrag zur Gemeinschaft. Danach beginnt die Arbeit an der eigenen Selbstverwirklichung, das umfasst Sport und Gesundheit, aber auch Sinn und Spiritualität.

Die Vermessung der Zukunft
Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky
© Andreas Henn/ 2bAhead

„Jeder wird seine eigene KI haben. Menschen werden mit ihrem digitalen Doppelgänger sprechen.“

Wie werden wir mit der KI im Alltag leben?
Jeder wird seine eigene KI haben. Das werden eigene Agents sein, also persönliche Assistenten, vielleicht drei bis fünf Stück, die untereinander kommunizieren und den Menschen sehr genau kennen. Man könnte sagen: Menschen sprechen mit ihrem digitalen Doppelgänger. Dabei hat der Menschen einen Agenten als Ansprechpartner und persönlichen digitalen Begleiter.

Wird es das Smartphone in der heutigen Form noch geben?
Nein, das wird verschwinden. Die visuelle Funktion wird in Brillen übergehen. Die auditive Funktion verlagert sich bereits in kleine, unauffällige Geräte. Es geht in Richtung integrierter Systeme, wie man sie aus der Science-Fiction kennt.

Und wie werden wir wohnen?
Da wiederum wird es kaum eine Veränderung geben. Die größte innerhalb der Wohnung werden allerdings humanoide Roboter sein. Also Roboter, die wie Menschen aussehen und Dinge erledigen können: putzen, kochen, Sicherheit gewährleisten, mit Kindern oder Haustieren spielen, Pflege übernehmen oder auch als Gesprächspartner dienen. Ich nenne das „die neuen Mitbewohner“.

Sie erwähnten eben schon die Pflege, wir werden ja immer älter.
Ja, der Anteil älterer Menschen steigt stark. Wir gehen davon aus, dass viele Menschen etwa 120 Jahre alt werden. Gleichzeitig bleiben sie länger mobil und leistungsfähig. Das Altern verlangsamt sich. Es gibt heute schon Ansätze, das biologische Alter zu beeinflussen. Gesellschaftlich verändert sich dadurch vor allem die Struktur: Geburtenraten sinken, die Gesamtbevölkerung wächst eher nicht weiter. Und das Lebensende verschiebt sich stärker in den Bereich eigener Entscheidungen. Außerdem werden Menschen länger aktiv bleiben.

Eine letzte Frage: Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten, wenn Sie in die Zukunft blicken?
Auf eine Welt mit ausreichend Energie. Wenn wir mehr Energie haben, als wir brauchen, verändert das alles. Tatsächlich wurde dieses Szenario nur einmal in „Star Trek“ beschrieben, als eine Welt, in der alles jederzeit hergestellt werden kann und Geld keine Rolle mehr spielt. Das ist keine Prognose, aber die Vorstellung, so etwas vielleicht noch zu erleben, finde ich sehr faszinierend.

Wiebke Brauer
Autorin Wiebke Brauer
Wiebke Brauer, unter anderem Textchefin des Kultautomagazins „Ramp“, interessiert sich seit jeher für die großen Zukunftsfragen. Für diesen Text hat die gebürtige Hamburgerin Prognosen von gestern mit Zukunftsszenarien von morgen abgeglichen – und gelernt: Die Zukunft ist nicht berechenbar, aber mit dem richtigen Perspektivwechsel erstaunlich gut vermessbar.